Ohne Bauern geht gar nix!

Veröffentlicht am 01.04.2016 in Landwirtschaft

Besuch bei Bauern: Hartmut Noppe, Jochen Mangelsdorf, E. Alter, J. Vogelsänger, Andreas Gliese, Franz Berger (v.r.n.l)

Viele Bauern in Brandenburg leben von der Substanz, seit die Preise für Milch, Fleisch und Getreide im Keller sind. Einige Landtagsabgeordnete des Landkreises Oder-Spree, sozialdemokratische Mitglieder des Kreistages sowie Mitglieder des Vorstandes der SPD-Oder-Spree schauten sich bei zwei Landwirtschaftsbetrieben in Rietz-Neuendorf um. Gute Gelegenheit einige Fragen an den Parlamentarier und Agrarminister Jörg Vogelsänger zu stellen.

Frage: Herr Minister, den Kunden freut's: Milch ist billig wie lange nicht mehr. Ebenso das Schnitzel in der Pfanne. Den Kunden im Supermarkt kann das nur recht sein. Aber wie geht es den Bauern?

Jörg Vogelsänger: Die Bauern leiden unter den niedrigen Weltmarktpreisen. Der Markt für Milch und deren Produkte ist praktisch zum Erliegen gekommen. Bei Fleisch sieht das ähnlich aus.

Frage: Produziert die Landwirtschaft in Deutschland zu viel? Wenn Agrarprodukte auf dem Weltmarkt niedriger sind als die Gestehungskosten bei uns, kann man doch auch zu dem Schluss kommen, unsere Bauern produzierten zu teuer?

Jörg Vogelsänger: Wer so denkt, liefert sich hoffnungslos dem Auf und Ab des Weltmarktes aus. Das kann kein Sozialdemokrat wollen. Lassen Sie mich kurz ausholen: Nach dem 2. Weltkrieg haben sich westeuropäische Staaten zusammengeschlossen, auch um die Landwirtschaft zu unterstützen. Es ging ihnen nicht um Subventionen und Zuschüsse. Es ging um eine gute kontinuierliche Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln. Das ist die Ausgangsbasis!

Frage: Der Steuerzahler hört nur von Zahlungen aus Brüssel, Ausgleichszahlungen für Katastrophen und Wildschäden. Was springt für ihn eigentlich raus?

Jörg Vogelsänger: Wir alle haben die Ursprünge unseres gemeinsamen Agrarmarktes ein wenig aus den Augen verloren. Um was geht es zuerst: Um die Versorgung mit gesunden und hochqualitativen Lebensmitteln, am besten aus der Region.

Frage: Aber zu welchem Preis?

Jörg Vogelsänger: Wir haben eine wettbewerbsfähige und flächendeckende Agrarwirtschaft. Unsere Qualitätsstandards sind aber sehr hoch, da ist eigentlich kein Platz für Dumpingpreise und Spekulation. Wer eine Spitzenposition im ökologischen Landbau erobert hat und diese halten will, muss auch mit höheren Preisen rechnen können. Nur billig geht eben nicht!

Frage: Lohnt es sich überhaupt, auf dem sandigen Boden Brandenburgs die Landwirtschaft zu fördern?

Jörg Vogelsänger: Ja, Brandenburg hieß einmal des „Reiches Streusandbüchse"! Ja, das Getreide wächst kleiner als auf den schweren Böden Süddeutschlands. Dafür sind unsere Höfe etwas größer als anderswo in Deutschland. Aber Landwirtschaft hat sich inzwischen auch zur Landschaftspflege entwickelt. Bauern erhalten Geld dafür, dass sie typische Landschaft wie den Spreewald erhalten. Das ist auch gut für den Tourismus und erzeugt Einnahmen aus Übernachtungen und Bewirtschaftungen. Die Zuschüsse sind also nicht sinnlos ausgegeben.

Frage: Sie sind Landwirtschaftsminister und Minister für den ländlichen Raum. Letzterer muss zusehen, wie sich Dörfer leeren und die Menschen in die Ballungszentren abwandern. Was sagt der Agrarminister dazu?

Jörg Vogelsänger:  Wir haben im Norden Brandenburgs bereits Regionen mit weniger als 16 Einwohner pro Quadratkilometer. Nach UN-Definition ist das bereits menschenleer. Höchste Zeit also für eine „Entwicklung des ländlichen Raumes“. Wer Menschen in Dörfern halten will, muss attraktive und moderne Arbeitsplätze auf Dauer anbieten. Das geht eben nur mit Landwirtschaft. Arbeiten auf dem Hof hat übrigens nichts mehr mit bäurischer Romantik und Erdscholle zu tun. Ein Arbeitsplatz auf dem Lande ist mit hochentwickelter Technik ausgestattet und erfordert jede Menge Fachwissen! 

Frage: Es gibt zahlreiche Proteste gegen die so genannten Agrarfabriken. Passen diese in eine bäuerlich geprägte Landwirtschaft?

Jörg Vogelsänger: Grundsätzlich gibt es keine Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Rechts- und Bewirtschaftungsformen. Wir schreiben ja auch nicht vor, welche Gesellschaftsform eine Fabrik haben muss. Die Zeiten sind vorbei. Wir greifen aber trotzdem ein: Ein Bauernhof soll im Erbfall nicht einfach aufgeteilt werden. Jeder Hof muss eine gewisse Größe haben, damit der Bauer rentabel wirtschaften kann. Der Hoferbe darf seine Geschwister in Zukunft zu einem erträglichen Preis auszahlen.

Frage: Agrarfabriken und Massentierhaltung haben ihre Schattenseiten, der Schritt zur Tierquälerei scheint nicht weit.

Jörg Vogelsänger: Einem Landwirtschafts- und Umweltminister geht es um eine regional verträgliche, tierartgerechte und flächengebundene Tierhaltung! Übrigens nicht nur in Brandenburg! Wir haben uns in den vergangenen Jahren darum gekümmert, dass es den Tieren in den Ställen besser geht. Tierwohl ist nicht nur ein Schlagwort, die allermeisten Bauern sind hervorragende Tierhalter. Wir haben nachgewiesen, dass die Forderungen der Tierschützer in Brandenburg in den meisten Punkten bereits erfüllt oder auf dem Wege zum Gesetz sind!

Das Interview führte Hajo Guhl

 
 

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