Grundkurs für Journalisten: Wie man sich eine Schlagzeile bastelt

Veröffentlicht am 26.02.2017 in Bildung

Fast jeden Sonntag kommt der Verlag mit dem Pferd in seinem Namen mit einer überraschenden Erkenntnis. Diesmal geht es in der Pressemeldung um das Ende des Hype um Martin Schulz. Und der Rest der Medien betet es artig nach. Ohne Sinn und Verstand. Es rechnet vor: Hajo Guhl!

Nachtrag: Ein bekanntes Nachrichten-Magazin aus der Hansestadt an der Elbe hat am selben Wochenende festgestellt, dass der Aufwind eben doch nicht beendet ist. Mit einer weiteren Umfrage...

Am letzten Wochenende war es die wöchentliche Emnid-Umfrage, die der Bastelei für eine Negativ-Schlagzeile um den frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten diente. Man muss noch nicht einmal einen Statistikschein aus der Uni besitzen, um den Murks zu erkennen. Die vier Grundrechenarten sind hinreichend.

Im wöchentlichen „Sonntagstrend“ des Emnid-Institutes verliert demnach die SPD einen Punkt und kommt jetzt auf 32 Prozent. Sie liege damit gleichauf mit der Union, die gegenüber der Vorwoche unverändert bleibe. Schon heisst es: Höhenflug plötzlich gestoppt. Erster Umfrage-Dämpfer für die SPD seit langem.

 

Rein rechnerisch stimmt das. Nur die Breite der Streuung bei solchen Umfragen liegt bei satten drei Prozent. Man könnte es auch Fehlerquote nennen. Was ist also zwischen der alten Umfrage von letzten Sonntag und der neuen Umfrage eine Woche später geschehen: Nichts!

Das Emnid-Ergebnis bestätigt nur eines: Mit Martin Schulz liefern sich CDU/CSU und die Sozialdemokraten einer weitere Woche „ein Kopf-an-Kopf-Rennen“. Das taugt allerdings nicht als Schlagzeile. Erst recht nicht aus der Ecke.

Es geht jedoch noch weiter: Die meisten Befragten gingen auch nicht davon aus, dass Schulz im Herbst Angela Merkel im Kanzleramt ablösen würde. 50 Prozent bezweifelten, dass er das schafft; 36 Prozent der Befragten seien jedoch davon überzeugt, so die Erkenntnis. Die Befragten haben recht: Nach den derzeitigen Ergebnissen ist es rein rechnerisch nicht möglich, dass die SPD zur Zeit mit Grünen und Linken im Bundestag eine Mehrheit bilden kann. Ein Misstrauensvotum gegen Martin Schulz ist das wohl kaum.

Der Vollständigkeit halber der Rest der Umfrage: Die AfD kam auf neun Prozent, die Linke auf acht und die Grünen bleiben bei sieben Prozent, FDP jetzt gleichauf.

Jetzt reichen wieder die Grundrechenarten. Es langt allein für die Fortsetzung der großen Koalition. Nicht mehrheitsfähig sind Rot-Rot-Grün noch eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP oder die berühmte Jamaika-Koalition von CDU, Grünen und FDP. Soweit Emnid von 23. Februar.

Die Umfragen können je nach Methodik ausgesprochen präzise sein. Ins Schlingern kommen die Institute vor allem, wenn es um überraschende Änderungen geht. Wo es am meisten hapert, ist allerdings die Interpretation eines Ergebnisses. Dann gehts ans "Lesen von Kaffeesatz" und "Wünsch dir was". Vor allem, wenn eine Schlagzeile her muss, die die Zunft der Medien am Montag vollkommen kritiklos nachbetet.

 
 

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