Mobil bleiben: Nur aufs Auto schimpfen ist auch keine Alternative

Veröffentlicht am 01.03.2019 in Verkehr

Unsere Wohlstandsgesellschaft hat in den letzten zwei Jahrhunderten einen Flurschaden angerichtet, der sich wohl kaum binnen weniger Jahrzehnte reparieren lässt. Wir sollten auch nicht vergessen: Lebten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch rund 1,5 Milliarden Menschen auf der Welt, so bewegt sich der Homo sapiens munter auf die acht Milliarden zu. Wie gehen wir also mit dem Thema Mobilität um? Vor allem im Berliner Großraum...

Was sie alle eint, ist der Wunsch nach einem besseren Leben und nach Wohlstand. Die chinesische Gesellschaft war vor knapp zwei Jahrzehnten noch ein Agrarland, heute ist es der größte Automobilmarkt. (Volkswagen verkauft dort inzwischen mehr als die Hälfte seiner Jahresproduktion). Mit allen Konsequenzen, was Auspuffgase, Schrott und Straßenbau betrifft. Der Smog in Peking lässt grüßen.

Es ist die Mobilität unserer Gesellschaft, die dem einzelnen viele Freiheiten aber auch Bürden gebracht hat. Mit dem Automobil sind wir individuell unterwegs. Wir sind nicht an Fahrpläne und Stecken gebunden. Welch eine Errungenschaft gegenüber unseren Vorfahren, die bis zur Erfindung der Eisenbahn meist laufen mussten.

Der Fortschritt von heute ist häufig nur noch theoretisch: Mit dem eigenen Automobil stehen wir im Stau, finden in den Städten keinen Parkplatz. Machen Krach und blasen Gift in unsere Atemluft. Das Vehikel kostet auch noch eine Unmenge Geld.

Also hinein in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)? Ob U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahnen oder Busse. Sie haben sich seit über 100 Jahren bewährt. Ein paar Zahlen aus der Metropolregion Berlin mit seinen über sechs Millionen Einwohnern: Im Jahre 2017 wurden täglich rund 4,03 Millionen Fahrgäste im Verbundgebiet befördert. Das waren mehr als 1,470 Milliarden Berufstätige, Schüler, Studenten, Rentner, Touristen, Nachtschwärmer und viele andere.

Sie werden übrigens zum erheblichen Teil von Zugführern und Busfahrern durch die Stadt kutschiert, die nicht in Deutschland geboren wurden. Ohne Ausländer, Migranten könnte die BVG, die S-Bahn einpacken. Das nur nebenbei.

Verstopfte Straßen und Autobahnen, Feinstaub und Stickoxide. Überfüllte Bahnen, Busse mit veralteter Technik. Das ist die grobe Bilanz, wenn wir uns die Verkehrsmittel unserer Tage anschauen. Alternativen müssen her. Aber welche?

Die deutsche Automobil-Industrie bereitet sich gerade auf die Massenproduktion von Elektrofahrzeugen vor. Ungeklärt ist allerdings die Versorgung mit Strom aus regenerativen Quellen. Ohne Sonnenstrom, Wind- und Wasserkraft wäre das Elektroauto sinnlos. Der Auspuff stände nur neben einem Braunkohlekraft!

  • Wie fertig werden mit dem endlosen Treck von LKW, die durch ganz Europa karren? Wir wollen unsere Milch, unser Obst pünktlich im Supermarkt haben. Also rollen die Brummis.

  • Die Öffentlichen warten dringend auf eine Modernisierung! Berlin und der inzwischen heranwachsende Speckgürtel werden in den nächsten Jahren noch mobiler. Neue und mehr S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse werden nicht reichen.

  • Punktuelle Fahrverbote in den Zentren der Städte sind keine Lösung. Warum sind Busse bzw. Kleintransporter mit alten Dieselmotoren in diesen Bereichen überhaupt noch im Einsatz?

  • Der ländliche Raum wartet dringend auf neue Ideen, wie die Bewohner besser in die Stadt fahren können. Bislang sind es Busse, die nur unzureichend genutzt werden. Morgens ein paar Schüler ein paar Berufstätige, die nachmittags und abends zurückfahren, das reicht nicht für einen wirtschaftlichen Betrieb.

Nun vergeht kaum ein Tag mit neuen Vorschlägen, was die mobile Gesellschaft betrifft. Züge die in einem Vakuum im Überschall rasen. Tunnel, die Autos unter dem Stau in der Stadt transportieren. Lufttaxis zum nächsten Flughafen. Neue, billigere Akku-Sätze mit noch mehr Power, Alternativen zum teuren Lithium, Wasserstoff-Antrieb. Das meiste verschwindet wieder in den Schubladen. Utopisch, teuer, unsinnig! Science Ficton, Zukunftsmusik und Phantasterei, die Grenzen sind hier fließend.

Die Politik ist gefordert. Allerdings kann sie eines nicht: Herausfinden, welches technische System tatsächlich das geeignete ist, das in zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahren uns kostensparend, sauber in den Metropolen oder dem ländlichen Raum von einem Ort zum anderen bringt. Politik kann nur begleiten und Wege freiräumen. Technik kann (und sollte) sie nicht. Die Bundes-SPD erarbeitet gegenwärtig Leitlinien einer modernen Mobilitätspolitik. Sie soll den sozialen, den ökonomischen und den ökologischen Ansprüchen gerecht werden.

Das Forum konzentriert sich dabei auf die folgenden Themen!

  • Neue Mobilitätskonzepte, die alle Verkehrsträger einbeziehen und Mobilität für alle ermöglichen.

  • Digitalisierung: Automatisiertes Fahren, Vernetzung und neue Angebote wie Sharingmodelle.

  • Klimaschutz: Alternative Antriebe, um die vereinbarten Klimaschutzziele auch im Verkehrssektor zu erreichen.

  • Strukturwandel: Neues Leitbild für die Schlüsselbranche Automobil, das die Themenbereiche Rohstoffe und Recycling, Bildung, Beschäftigung und Qualifizierung einbezieht.

Mit der Arbeit des Forums sollen auch die Vorschläge der Regierungskommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ begleitet werden. Berichte dieses Gremiums sollen in Kürze erfolgen, so der Hinweis auf der Webseite. Das SPD-Konzept wird das Forum dem ordentlichen Bundesparteitag im Dezember 2019 zur Abstimmung vorlegen.

Ein Blick über den Tellerrand

Es scheint eine Eigenart von Hochkulturen zu sein. Statt die Errungenschaften der Zivilisation zu genießen, stellt sich nach einer Weile zumindest literarisch eine Sehnsucht nach dem einfachen Leben ein. Das dumme an der Sache: Es sind die gerade Wohlstandkinder, die verzichten möchten. Und es ihrer Umgebung auch noch dringend beibringen möchten. Ohne selbst die Nachteile ihrer Mission in Kauf zu nehmen.

Unsere Wohlstandsgesellschaft lebt zumindest in Europa in einem unglaublichen Spagat. Auf der einen Seiten jettet der gut situierte Mittelstand nördlich der Alpen in den Wintermonaten gen Süden, in die Sonne. In den Sommermonaten folgen die unteren Schichten dem Treck nach Antalya, Rhodos, Mallorca und den Kanaren. Die Devise: Hauptsache viel und billig.

Die Kehrseite: Die europäische Gesellschaft leistet sich in den selben Regionen Jugendarbeitslosigkeit und andere soziale Abgründe (Ja, auch bei uns in Deutschland), der Region und auf unserem Dorf gibt es zahlreiche Probleme und Ungerechtigkeiten. Aber es geht um Probleme, die weit über den Horizont des nächsten Hügels reichen).

Das Thema Mobilität mir Schwerpunkt Metropolregion wird fortgesetzt!

 
 

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