Von der Draisine übers Auto zum E-Bike: Hauptsache mobil bleiben!

Veröffentlicht am 20.09.2017 in Umwelt

E-Bikes in Storkow: Bürgermeister Cornelia Schulze-Ludwig und Jörg Vogelsänger begutachten die neuen Transportmittel.

Manchmal sind es gerade die kleinen Änderungen, die langfristig Großes bewirken! Die Stadt Storkow verbindet das E-Bike-Angebot für den Urlauber mit den Arbeiten der Stadtverwaltung. Zwei Lastenfahrräder für den Transport und einige Elektrofahrräder „verkürzen“ heute schon die Dienstwege. Wie sieht allerdings der große Rahmen aus? Jörg Vogelsänger stand Rede und Antwort!

Auto mit Elektromotor: die Lösung der Zukunft?

Jörg Vogelsänger: Ein Elektroauto hat keinen Auspuff, es fährt „emissionsfrei“. Allerdings nur vor Ort. In Deutschland haben wir einen Strommix, der nicht sauber ist. Rund vierzig Prozent kommen aus Kohlekraftwerken, Erdgas liefert 12 Prozent, die Atommeiler verbliebenen 13 Prozent. Rund ein Drittel ist Ökostrom. In Brandenburg sieht die Bilanz etwas besser aus. Dennoch: Der Auspuff des Elektromobils „steht heute noch in Jenschwalde“. Die Elektromobilität ist also eng verbunden mit dem Ausbau von alternativen Energien. Besonders, wenn das E-Auto in großen Stückzahlen kommt.

Norwegen bietet seinen Bürgern hohe Anreize, damit sie auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb umsteigen. Ist das ein Vorbild?

Jörg Vogelsänger: Das skandinavische Land ist durch Öl und Gas reich geworden. Der Staat kann sich diese Subvention leisten. Doch auch die Norweger stoßen hier an Grenzen. In Oslo gibt es beispielsweise nicht genügend Ladestationen. Was uns betrifft: Wir brauchen einen Umbau, der von den Bürgern und der Wirtschaft selbst finanziert werden kann!

Wie sieht das im einzelnen aus?

Jörg Vogelsänger: Wie auf der IAA zu sehen, haben die deutschen Automobilbauer jetzt kapiert, dass sie nicht mit ihrer Rekordjagd nach mehr PS und noch höheren Geschwindigkeiten weitermachen können. Was soll ein Fahrzeug mit 500 PS und 250 km Spitze auf einer Autobahn, die allein durch die Verkehrsdichte einen Schnitt von allenfalls 130 Kilometer pro Stunde zulässt. VW, Daimler und BMW investieren massiv in neue Fahrzeuge mit Elektromotor. Bosch liefert neuartige Antriebe.

Muten wir dem Normalverbraucher nicht zu viel zu?

Jörg Vogelsänger: Menschen haben sich immer angepasst und auf neue Situationen eingestellt. Die Draisine startete vor 200 Jahren ihren Siegeszug nach etlichen Mißernten. Das Futter für Pferde, Ochsen und Esel war knapp. Mit dem lenkbaren Laufrad war der Fahrer dreimal so schnell wie ein Fußgänger. Das Fahrzeug mit Ottomotor erlöste die Menschen in den Großstädten von Pferdemist und durchgegangen Gäulen. Es war keine Idylle. Jetzt müssen wir in unserer Mobilität neue Wege finden.

Der Feinstaub macht den Großstädten zu schaffen!

Jörg Vogelsänger: In den Ballungsräumen wird das Auto in seiner heutigen Form nicht nur zu einer Gesundheitsgefahr sondern zum großen Bremser. Metropolen wie Berlin ersticken inzwischen im Berufsverkehr. Die Feinstaubbelastung in den großen Städten nimmt zu, trotz aller Bemühungen. Schuld daran ist übrigens nicht nur der Diesel. Die Mobilität hat zugenommen. Das gilt auch für den ländlichen Raum: Die Zahl der Pendler, die von ihrem Dorf aus täglich zu ihrem Arbeitsplatz in der Stadt fahren nimmt weiter zu. Hier kann angesetzt werden.

Soll das Auto aus den Ballungsräumen verbannt werden?

Jörg Vogelsänger: Ein Millionenstadt wie München hat die Preise für Parkplätze in seiner Innenstadt drastisch angehoben. Das kann aber nur ein Ansatz sein. Der Verkehr in Berlin und seinem Umland bricht regelmäßig in den Morgen- und Abendstunden zusammen. Wenn es gelingt, diese Verkehrsspitzen zu vermeiden, dann entfällt auch der Stau.

Doch ein Fahrverbot?

Jörg Vogelsänger: Nein! Auf gar keinen Fall! Das Gros der Arbeitnehmer legt im Durchschnitt zwölf Kilometer auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz zurück. Das ist eine Strecke, die auch für einen untrainierten Menschen in einer angemessenen Zeit zurückzulegen ist. Und zwar mit dem Fahrrad, egal ob mit oder ohne Elektromotor. Berlin plant Schnellwege für diese Zweiräder. Die Hauptstadt gehört im Vergleich zu den 20 fahrradfreundlichen Städten in Europa. Wer also vom Auto aufs Fahrrad umsteigt, verhindert einen Stau im Berufsverkehr! Aber das ist Sache der Umwelt- und Verkehrsminister in den Ballungsgebieten.

Was ist mit dem Pendler zwischen Stadt und Land?

Jörg Vogelsänger: Wir haben an den Bahnhöfen der Stammstrecken bereits viele Park&Ride-Plätze geschaffen. Gegenwärtig sind die Betreiber von Bussen und Bahnen bemüht den Verkehr im Takt zu verdichten. Das heißt, die Fahrzeuge des ÖNVP sollen öfter fahren. Statt alle halbe Stunde dann in zwanzig Minuten.

Sind kleinere Fahrzeuge die Lösung?

Jörg Vogelsänger: Wir müssen langfristig denken. Da gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land. In den Ballungszentren werden die Bürger wohl auf kleinere und elektrisch betriebene Fahrzeuge umsteigen. Auf dem Land legen die Menschen größere Entfernungen zurück, sie haben meist mehr Platz auf ihren Grundstücken und in ihren Häusern. Hier wären Solarzellen samt Batteriespeicher oder eine Heißwasseraufbereitung sinnvoller. Wir müssen sehen, was die Zukunft noch an technischen Entwicklungen bringt.

Was kann im ländlichen Raum mit seinen Entfernungen getan werden?

Jörg Vogelsänger: Wir haben in Brandenburg das Radwegnetz ständig ausgebaut. Uns ging es dabei um den Urlauber, der sich bei uns mit dem Fahrrad umschauen kann. Das ist ein voller Erfolg wie die jüngsten Tourismuszahlen belegen. Es ging uns aber auch um Schüler, die sicher zu ihren Unterrichtseinrichtungen mit dem Fahrrad kommen. Um die Hausfrau, die mit dem Fahrrad ihre kleinen Einkäufe erledigen kann. Das E-Bike ist auf dem Lande eine hervorragendes Vehikel, die Reichweite zu vergrößern. Für den Normalbürger sind auf dem Fahrrad gut 15 Kilometer pro Stunde zu schaffen. Aber auch nicht mehr. Mit dem E-Bike sind gut 20 km/h drin. Da kann das Auto, das wir keinem wegnehmen wollen, öfter daheim stehen bleiben.

Warum beides? Auto und Fahrrad?

Jörg Vogelsänger: Gerade wer auf dem Lande wohnt, weiß, dass ein Auto oft die einzige Möglichkeit ist, mobil zu sein. Die Entfernungen sind einfach zu groß. Aber ein Auto mit der Verbrennungsmotor, das zwischendurch steht, verbraucht auch keinen Sprit. Es ist eine wirtschaftliche Rechnung: Viele Familien haben ihr Auto bezahlt. Es geht also nur noch um den Erhalt und die Fahrtkosten. Auch die Ökobilanz stimmt: Rund 60 Prozent der Gesamtkosten für ein Auto während seines Lebenszyklus gehen in die Produktion desselben. Wer also „zu früh“ auf eine Elektro-Alternative umsteigt, gibt also unnötig Geld aus. Ohnehin gibt es bessere Wege zur Elektromobilität!

Die wären?

Jörg Vogelsänger: Die Deutsche Post stellt beispielsweise ihre Fahrzeugflotten auf Elektromobile um. Die DHL hat vor wenigen Jahren einen Entwickler von leichten Elektrolieferwagen aufgekauft und produziert die Fahrzeuge jetzt. Die Postzusteller haben einen Arbeitsablauf, der prima zum Leistungsprofil dieser Streetscooter passt. Unter hundert Kilometer Reichweite und nicht schneller als 80 km/h. Nachts können die Batterien wieder geladen werden. Das gilt für fast alle Lieferwagen in den Ballungsgebieten aber auch den ländlichen Räumen. Hier sollte man ansetzen. Die Deutsche Reichspost hatte übrigens bereits in den Dreißiger Jahren bereits LKW mit Elektromotoren. Einige fuhren noch in der DDR der Fünfziger Jahre.

Von welchen Energiemengen reden wir?

Ein Elektro-Pkw mit einer Jahresleistung von 15 000 Kilometern benötigt heute etwa 3000 Kilowattstunden (das entspricht dem Verbrauch eines Zwei-Personen-Haushaltes). Alle 46 Millionen Pkw mit Verbrennungsmotor getauscht, ergäbe folgende Rechnung: Statt Benzin und Diesel, bräuchte man rund 138 Terawattstunden. Die Stromproduktion müsste im Vergleich zu heute um rund 30 Prozent steigen. Das könnten 30 000 kleinen Solaranlagen auf Hausdächern schaffen. Oder 6000 Offshore-Windkraftanlagen, 40 000 Windräder an Land, 25 große Gaskraftwerke, 1,2 Millionen Blockheizkraftwerke für größere Gebäude.

 
 

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