
Keine Woche vergeht ohne Berichte über Altlasten und illegale Mülldeponien. Doch was passiert überhaupt mit dem Rest-Müll, dieser Hinterlassenschaft der modernen Gesellschaft? Nicht alles ist ein Wertstoff und kann recycelt und wieder verarbeitet werden. Bericht und Bilder von Christian Stauch
Haben Sie sich beispielsweise schon einmal Gedanken darüber gemacht, was eigentlich mit Ihrem Müll passiert, den Sie in regelmäßigen Abständen in Tonnen oder Säcken zur Abholung auf die Straße stellen? Die moderne Müllwirtschaft kennt viele Wege, Abfälle jeglicher Art weiter zu verarbeiten. Zum Beispiel zur Energiegewinnung.
Zehn Jahre ist es bereits her, als das Energieunternehmen Vattenfall die Genehmigung für ein Industriekraftwerk (IKW) in Rüdersdorf erhielt. Etwa zwei Jahre später, im Januar 2009 wurde das IKW Rüdersdorf in Betrieb genommen und versorgt seitdem das benachbarte CEMEX-Werk (http://www.cemex.de/) mit Strom.
Zement braucht viel Strom
Etwa 28 Megawatt Leistung gehen an den Baustoffhersteller von Rüdersdorf. Weitere 2 bis 3 Megawatt erzeugt das Kraftwerk für den Eigenbedarf. Damit ist das Kraftwerk fast zu 100 Prozent ausgelastet. Insgesamt beträgt die Leistungsabgabe also zwischen 30 und 31 MW (35 MW Maximum). Strom, der nicht durch CEMEX oder von dem IKW selbst verbraucht wird, wird in das Netz eingespeist und fließt in die Haushalte der Umgebung.
Doch woher kommt nun der Strom?
Das IKW Rüdersdorf verbrennt Haus- und Industriemüll. Er ist kein Wertstoff und kann nicht anders verarbeitet werden. Zu mehr als der Hälfte besteht der nach dem Recycling bestehende Restmüll aus so genannten „biogenen Stoffen“, die über einen erheblichen Heizwert verfügen.
Die Anlage verbrennt den Müll bei Temperaturen von 850 bis 1000 Grad Celsius vollständig. Was übrig bleibt: Strom, Wärme und Prozessdampf. Im Jahr wird hier ein Volumen von rund 235.000 Tonnen Müll in Strom umgewandelt und dabei entstehen auch Stoffe, die wieder in der Industrie verwertet werden können: Gips (aus gefiltertem Schwefelabgasen) und Schlacke sind solche Nebenprodukte.
Woher kommt der Müll?
Der verbrannte Müll stammt dabei zu 90,1% aus der Region Berlin/ Brandenburg. Die anderen 10% aus anderen Bundesländern oder aus dem Ausland. LKW liefern den Müll an. Dieser wird, bevor er abgenommen und in einer der vier Abkippstellen in den Abfallbunker eingeführt werden darf, erst von Mitarbeitern des IKW sichtgeprüft oder es werden Proben entnommen. Im Abfallbunker sammelt sich der Müll und wird mit Hilfe von riesigen Kränen, die neun Tonnen Müll auf einmal greifen können, auf einen Rost gehoben. Durch Rütteln am Rost rutscht der Müll dann in den Kessel. Beim Verbrennungsprozess entsteht Schlacke (20 bis 25 Prozent der gesamt verbrannten Menge), die zur weiteren Verarbeitung abtransportiert wird.
Hitze treibt die Turbine
Die bei der Verbrennung frei gesetzte Wärme erzeugt Heißdampf, der bei einer Temperatur von 420 Grad Celsius und einem Druck von 90 bar die Turbine „Leonie“ in Bewegung hält. Der nachgeschaltete Generator wandelt nun die erzeugte Energie in Strom um. Eine Besonderheit: Der Dampf wird ein weiteres Mal in den Kessel und wieder zurück geleitet. Das schafft eine effektive Energieausnutzung. Die entstandenen Rauchgase werden in einem komplizierten Reinigungsverfahren gefiltert und gebunden, sodass eine CO2-arme Energieerzeugung gewährleistet werden kann. Die gefilterten und gebundenen Reststoffe werden in Hohlräumen in Salzwerken eingelagert und zur Stabilisation in die geschaffenen Hohlräume eingearbeitet.
Noch mehr Müll
Das IKW hat im Jahr 2013 einen Betriebsänderungsantrag gestellt. Hier will man die Kapazität auf 270.000 Tonnen Müll im Jahr erweitern und den Abfallannahmekatalog um nicht behandelte Siedlungsabfälle und Krankenhausabfälle erweitern. Das Landesumweltamt hat dem Gesuch, nach einem förmlichen Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung, nun grünes Licht gegeben. Insgesamt sind 2336 Einwendungen fristgerecht eingegangen und wurden mit den Beteiligten erörtert. Auch die Forderungen der Bürgerinitiative „Gesund leben am Stienitzsee“ sind mit in die Entscheidung eingeflossen. Jörg Vogelsänger überbrachte den Genehmigungsbescheid am 20. Mai 2016 im Beisein von kommunalen Vertretern und Mitarbeitern der Firma Vattenfall.
Weniger CO2 als erlaubt
Stolz sind die Energielieferanten darüber, dass sie die gesetzlichen Vorgaben zur CO2-Emission weit unterschreiten und mit Hilfe eines jährlich fortgeschriebenen Umweltgutachtens weiter daran arbeiten, die Umweltleistung zu verbessern. Weiterhin wurde hierfür bereits im Jahr 2006 ein Umweltmanagementsystem eingeführt, das zur kontinuierlichen Verbesserung der Umweltleistung und Optimierung der betrieblichen Abläufe beitragen soll.
Zahlen und Fakten zum IKW Rüdersdorf
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IKW Rüdersdorf verfügt über die modernste Abfallverbrennungsanlage in Deutschland
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100 Millionen Euro Investitionsvolumen (weitere 350.000 Euro Erweiterung auf 270.000t Kapazität)
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36 direkte Arbeits- und 13 Ausbildungsplätze plus Arbeitsplätze im Bereich der Anlieferung/ Verarbeitung/ Instandhaltung
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Stromerzeugung 2012: 240980 MWh/ 2013: 242.593 MWh/ 2014: 249.034 MWh
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Reststoffverwertung 2014: Rostschlacke zu 100% verwertet; Filterstaub zu 99,7% verwertet und 0,3% beseitigt; Strahlmittelabfälle zu 100 beseitigt; Kesselasche zu 100% verwertet; feste Abfälle aus der Abgasbehandlung zu 100% beseitigt – Gesamt: 99% Verwertung und 1% Beseitigung.
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Das IKW Rüdersdorf ist seit 1863 Tagen (stand 20. Mai 2016) Unfallfrei (Kein Unfall der zu einem Krankheitsfall von mehr als 3 Tagen führte).
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„Energieausbeutung“ mit 30% elektrischem Wirkungsgrad außergewöhnlich hoch