Wer steckt hinter den Tempoerbsen?

Veröffentlicht am 28.11.2014 in Wirtschaft

In der DDR war er im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Peter Kretschmer entwickelte die Tempoerbsen, den Kuko-Reis, Cornflakes, Wurzener Erdnussflips und den Instantbrei Mekorna zum Einrühren in warme Milch. Er war Miterfinder des ostdeutschen Kaugummis. Unter seiner Leitung entstand in den Jahren 1978/79 in Bernburg die damals größte Kaugummifabrik Europas.

Seine Produkte waren einst heiß begehrt, dann für kurze Zeit verschmäht und jetzt wieder in vieler Munde. Jetzt ging der Erfinder und Entwickler vieler Fertiglebensmittel, Dr. Peter Kretschmer, der Nestor der Brandenburger Ernährungsforscher und Chef des Instituts für Getreideverarbeitung (IGV) in Bergholz-Rehbrücke, mit 76 Jahren in den Ruhestand.

Hätte sein Name auf den Verpackungen von Tempoerbsen und Kurzkochreis, von Combo-Kakao und Burger Knäckebrot, von Instant-Babynahrung Mekorna und Wurzener Erdnussflips gestanden, Kretschmers Name wäre wohl im gleichen Atemzug wie Eiskunstläuferin Katharina Witt oder Kosmonaut Siegmund Jähn gefallen: Für die vorzeigbare Seite der DDR, ein Leistungsträger des Sozialismus. Seine Karriere war allerdings 1989 nicht beendet.

Es gibt viele Gründe für das Land Brandenburg, Peter Kretschmer Dank zu sagen“, gratulierte Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger. „Mit Peter Kretschmer sind nicht nur zahlreiche Ernährungsprodukte verbunden, seinem unternehmerischen und wissenschaftlichem Talent ist es auch zu verdanken, dass das Know-how in der Ernährungsforschung in Bergholz-Rehbrücke nach 1990 nicht verloren ging.“ Zu den jüngsten Innovationen gehört das vergleichsweise junge Gebiet der Algenforschung. Zu seinen zahlreichen öffentlichen Ämtern gehört insbesondere sein Engagement für den Verband pro agro, den er mit begründete und dem er bis heute als Ehrenvorsitzender angehört.

Im Jahre 1961 startete Kretschmer (Jahrgang 1939) an dem damals neu gegründeten IGV, das als VEB-Institut Teil des Kombinats Nahrungsmittel und Kaffee in Halle an der Saale seine Karriere. Im Westen begann die Zeit der Fertigprodukte. Tütensuppen waren angesagt, Instant-Kaffee aufgebrüht. Cornflakes gefuttert.

Auch im Sozialismus sollte die Hausfrau sollte in aller Kürze eine fertige Mahlzeit auf den Tisch stellen können. Instant war also ebenfalls angesagt. Erbsen sollten beispielsweise nicht über Nacht eingeweicht werden müssen. Das beschäftigte die Nahrungsmittel-Experten. Die volkseigenen Lebensmittel-Betriebe hatten dabei mit mehreren Problemen zu kämpfen. Patente aus dem Westen waren kosteten Devisen, der Zugang zu Rohstoffen auf dem freien Weltmarkt war begrenzt und die Ansprüche der DDR-Konsumenten richteten nicht zuletzt sich nach dem Westen. Ob die „regierende Arbeiterklasse“ wollte oder nicht. Die Liste der Fertig-Produkte Marke DDR, die mit Kretschmer entstanden, wurde dennoch oder vielleicht auch deshalb lang und länger.

Nach der Wende führte Kretschmer das Rehbrücker Institut für Getreideverarbeitung (IGV) erfolgreich in die Privatwirtschaft. Seit dem 1. Juli 1990 war er Geschäftsführer, seit 1994 auch Miteigentümer des IGV. Das Institut konnte dadurch seinen festen Platz in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft wahren.

Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit sind heute die Getreideforschung, nachwachsende Rohstoffe, die Algenforschung. Es gehört zu seinen Verdiensten, dass im Institut heute rund 100 Beschäftigte in Lohn und Brot stehen. Mit dem Bergholz-Rehbrücker Institut war Peter Kretschmer war also 53 Jahre verbunden.

Die Liste der Novitäten und Spezialitäten aus dem Hause IGV kann sich auch nach der Privatisierung sehen lassen. Das Produkt Rogginello auf Roggenbasis ist bundesweit über die BÄKO (zentrale Absatzorganisation für die Backwarenbranche) eingeführt worden. Spirulina-Teigwaren mit Algen wurden bereits am Markt getestet.

In Bergholz-Rehbrücke werden nicht nur Lebensmittel „veredelt“. Aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelten Forscher des Institutes die Rofa-Platte. Bei der Entwicklung haben Verfahrensabschnitte der Backwarenherstellung Pate gestanden. Die „gebackenen“ Platten findet man an Autobahnböschungen, in Bergbaufolgelandschaften und in den deutschen Alpen, auch in den arabischen Emiraten, in China, Taiwan oder in Südamerika. In Nepal wurde hierfür ein Joint Venture gegründet.

Im IGV wird seit Jahren an Algenzüchtungen gearbeitet, unter anderem für Kosmetika und Wellness-Produkte. Weiterhin dienen Algen als Nahrungsergänzungen für Mensch und Tier. Inzwischen stehen in über 80 Ländern die vom IGV entwickelten Photobioreaktoren zur Algenzucht.

Das IGV hat sich unter Kretschmers Leitung sich zur wichtigsten Forschungs- und Ausbildungsstätte des Bäckerhandwerks in den neuen Bundesländern entwickelt. Hier werden seit 1994 Bäcker und Konditoren in der Meisterausbildung und in der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung auf ihr Berufsleben vorbereitet. Zur Weiterbildung dienen die Seminare für das Backwarenhandwerk und der „Technischen Bäcker“. Für seine Verdienste um das Bäckerhandwerk erhielt der 1938 geborene Wissenschaftler die höchsten Bäckerauszeichnung, den Paech-Preis.

Nach dem Zusammenbruch des Marktes für ostdeutsche Produkte unmittelbar nach der Währungsunion 1990 war es ein zentrales Anliegen von Kretschmer, für heimische Agrarprodukte „Made in Brandenburg“ die Werbetrommel zu rühren und neue Märkte zu erschließen. Als Reaktion darauf gehörte er zu den Gründungsvätern des Verbands pro agro, dessen erster und langjähriger Vorsitzender er war.

Als Netzwerker hatte Kretschmer schon früh erkannt, dass Agrarmarketing in einem umfassenden Sinn in die Entwicklung ländlicher Regionen eingebettet werden muss. Das geht nur, wenn Tourismus, Gastronomie, Hotellerie und Naturschutz an einem Strang ziehen – heute hat sich der Verband die Entwicklung des ländlichen Raumes in seiner Gesamtheit verschrieben.

Vogelsänger: „Seine Arbeit im Verband und seine Autorität als Wissenschaftler haben wesentlich dazu beigetragen, dass unsere Brandenburger Produkte wieder das Vertrauen der Verbraucher gewinnen konnten. Die Qualitätsprogramme ,Brandenburgisches Qualitätserzeugnis‘ und später ,Qualitätserzeugnis – pro agro geprüft‘ tragen seine Handschrift.“

 
 

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